Ich brauche keinen Sex, das Leben fickt mich eh wos nur geht.

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Unsterblich

Ich wäre gerne unsterblich, um zu sterben. Alle Todesarten einmal ausprobieren. Den Film vor meinem Augeninneren vorbeilaufen sehen, immer und immer wieder. Repeat one, no shuffle. Ich will fühlen. Was geschieht in diesem Moment? Angst, Hoffnung, Gefühl von Freiheit, Unsterblichkeit oder Nichts?

Mitten in der Nacht stehe ich auf der Straße, alles ist leer, in den Kopfhörern Mendelssohns Hebriden-Overtüre. Crescendo. Mein Schatten wächst. Wächst schnell in die Länge. Versucht zu entkommen. Rasend entfernt er sich von mir. Dann Zeitlupe. Die Stoßstange beugt rücklings meine Knie. Mein Oberkörper neigt sich nach hinten, ganz elastisch. Meine Arme werden nach oben gerissen. Alles ganz sanft. Meine Haare scheinen nach vorne zu wehen. Meine Augen nehmen nur Fetzen von Nachthimmel auf, Sternstreifen. Meine Beine werden in die Luft geschleudert. Absolute Schwerelosigkeit. Dann schlägt mein Hinterkopf auf der Windschutzscheibe auf. Meine Schulterblätter drücken sich tief in die Motorhaube. Die Haare fallen auf die gesplitterte Scheibe. Meine Arme und Beine fliegen im großen Bogen über meinen Kopf. Wie bei einer Rückwärtsrolle zieht es mich nach hinten. Meine Füße und Knie schlagen auf das Dach auf. Meine Wirbelsäule formt ein U. Ich rolle über meinen Kopf, jetzt das Gesicht auf der Scheibe. Neben mir liegen meine Arme. Das Forte kämpft gegen das soprane Quietschen der Reifen. Wie ein Kinderchor, der versucht Paukendonnern zu übertönen. Ich erreiche den Wendepunkt auf meinem Parabelflug. Das Auto steht still, durch meinen Körper fährt ein heftiger Impuls und ich werde nach vorne gerissen. Rolle vorwärts. Mein Ellbogen biegt das Metall unter sich. Meine Beine gleiten abermals über mich hinweg, diesmal in entgegengesetzter Richtung. Mein Steißbein knackt. Dann, für den Bruchteil einer Sekunde, stehe ich genau so da wie zuvor, als mein Schatten weglief. Nun falle ich nach vorne, eile meinem Schatten entgegen. Die Handballen kommen als erstes auf dem rauhen Asphalt auf. Dann meine rechte Wange. Die Haare fallen mir ins Gesicht. Durch die Wucht des Aufschlags federt mein Körper in die Luft. Ein kleiner Sprung als Finale, ein letztes Aufbäumen. Ich liege da. Warm rinnt das Blut aus meinem Mund, die Haut hängt in Fetzen von meinem Gesicht und meinen Händen. Die Jeans ist an den Knien aufgerissen. Im Hinterkopf Glassplitter der Scheibe.
Ich stehe auf, tupfe die aufgeschürften Knie mit einem Taschentuch ab, öffne und schließe den Mund, streiche einige Glasstücke aus meinem Haar und gehe. Kein Film.
11.11.07 23:06
 


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